Mythen sagen viel über die Gesellschaft

„Die Mythen sagen nichts aus, was uns über die Ordnung der Welt, die Natur des Realen, den Ursprung des Menschen oder seine Bestimmung belehrt. Wir können von ihnen keine metaphysische Verbindlichkeit erwarten; sie werden entkräfteten Ideologien nicht beispringen. Hingegen lehren uns die Mythen viel über die Gesellschaften, denen sie entstammen, sie helfen uns, die inneren Triebfedern ihres Funktionierens aufzudecken, erhellen den Daseinsgrund von Glaubensvorstellungen, Sitten und Institutionen, deren Anordnungen auf den ersten Blick unverständlich schienen. Schließlich und vor allem ermöglichen sie es, einige Operationsweisen des menschlichen Geistes zutage zu fördern, die im Laufe der Jahrhunderte konstant und über ungeheure Räume hinweg so allgemein verbreitet sind, dass man sie für grundlegend halten und versuchen darf, sie in anderen Gesellschaften und anderen Bereichen des geistigen Lebens wieder zu finden, wo man sie nicht vermutete, und deren Natur sie dadurch erhellen.“

Als mythische Gesellschaft verstand Claude Lévi-Strauss durchaus auch die aufgeklärte Gegenwart, die ihm in vielem fremder war als frühere Jahrhunderte. So weit wie möglich entzog er sich ihren Zwängen und Ehrungen. An irgendeinen Fortschritt glaubte er nicht, auch nicht an ein Jenseits.

Im Gedenken an Claude Lévi-Strauss.

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depone | Daniel Ehniss

vater, theologe, netzgestalter und kaffeeliebhaber.

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